Plagiatschutz mit RFID

Mit Turcks RFID-System BL ident unterbinden Maschinenbauer den Einsatz nachgebauter Ersatzteile

Plagiierte Ersatzteile bereiten deutschen Maschinen- und Anlagenbauern zunehmend Probleme. Neben rechtlichen Wegen gibt es aber auch technische Möglichkeiten, sich effizient vor dem Einsatz nicht autorisierter Ersatzteile zu schützen. Im industriellen Umfeld eignen sich vor allem robuste RFID-Systeme zur Identifikation von Ersatz- und Verschleißteilen. Die Funktechnologie bringt neben dem Produktschutz zugleich auch höhere Transparenz- und Produktionssicherheit in die Maschine.

Dreiste Nachahmer werden in Deutschland jährlich mit einem besonderen Schmähpreis ausgezeichnet: dem Plagiarius Award. Auf den ersten drei Plätzen des Plagiarius Awards 2015 stammen zwei der Plagiate aus China und eins aus Deutschland. Daran sind zwei Dinge bemerkenswert: Zunächst scheint das Klischee von kopierenden chinesischen Firmen bestätigt. Das Ergebnis zeigt aber auch, dass sich die Quellen nicht auf China oder Asien beschränken. Weltweit müssen sich Unternehmen mit der Herausforderung auseinandersetzen und gegebenenfalls Vorkehrungen treffen.

Auch der deutsche Maschinen- und Anlagenbau hat mit Plagiaten zu kämpfen, wie eine aktuelle Studie des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) deutlich macht: Maschinen und insbesondere Ersatzteile von Maschinen werden häufig nachgebaut. Die „VDMA-Studie Produktpiraterie 2014“ zeigt auf, dass im Schnitt 71 Prozent der Maschinenbauer hierzulande von Produktpiraterie betroffen sind. Noch gravierender stellt sich die Zahl bei den Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern dar: In dieser Gruppe zählt die Studie sogar 90 Prozent betroffene Unternehmen. Laut Studie verursachten die Plagiate im Jahr 2013 für die betroffenen Unternehmen einen Umsatzverlust von geschätzten 7,9 Milliarden Euro. Nicht eingerechnet sind dabei die Kosten für ungerechtfertigte Reklamationen aufgrund nachgebauter Ersatzteile, mit denen 25 Prozent der befragten Unternehmen zu kämpfen hatten – vom Imageverlust ganz zu schweigen.

Deutschland Nr. 2 der Plagiateure

Deutschland liegt mit 23 Prozent als Herkunftsland von Plagiaten auf Platz zwei hinter der Volksrepublik China. Während bei Plagiaten aus China häufig von minderer Qualität und Funktion gesprochen wird, bezeichnet der VDMA die Plagiate deutschen Ursprungs auch als „Hightech-Plagiate“. „Betrachtet man die Arten der Plagiate aus Deutschland, so gingen wir in den letzten Jahren davon aus, dass es sich grundsätzlich um weiche Plagiate handeln muss. Darunter verstehen wir vor allem Plagiate um das Produkt herum, also Bedienungsanleitungen, Produktfotos, Kataloge etc.“, sagt Steffen Zimmermann, Geschäftsführer der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Produkt- und Know-how-Schutz. „Diese Aussage müssen wir nach Auswertung der vorliegenden Daten komplett revidieren. Die Maschinen- und Anlagenbauer berichten vor allem von Plagiaten ganzer Maschinen, Komponenten und Ersatzteile. Diese Hightech-Plagiate zeigen, dass die Gefahr im eigenen Land sehr ernst zu nehmen ist.“ Als Ergebnis der Studie bietet der VDMA interessierten Unternehmen den Leitfaden „Produkt- und Know-how-Schutz“ an, der bei der Auswahl geeigneter Schutzmaßnahmen vor Produktpiraterie und Know-how-Abfluss unterstützt.

Um sich vor Nachahmern zu schützen, muss klar sein, welche Art von Plagiat vorliegt. Ein abgekupfertes Produktdesign oder eine unautorisierte Kopie einer patentierten Konstruktionslösung müssen anders bekämpft werden als der Einsatz nachgebauter Ersatzteile. Um sich davor zu schützen, können Maschinenbauer zu technischen Mitteln greifen. Die Druckerhersteller machen schon seit Jahren vor, wie es geht, indem sie die eingesetzten Druckerpatronen identifizieren. So kann die Verwendung von Fremdpatronen bis zu einem gewissen Grad ausgeschlossen werden.

Produktschutz durch RFID

Ähnliche Maßnahmen ergreifen mittlerweile immer mehr Maschinenhersteller, wenn es darum geht, den Einsatz gefälschter Ersatzteile auszuschließen. Ein Weg, der sich vor allem für Industriemaschinen anbietet, ist die Identifikation von Bauteilen mittels RFID. Der große Vorteil gegenüber anderen Technologien ist, dass RFID-Lösungen Industriestandards entsprechen und auch in der rauen Industrieumgebung meist reibungslos funktionieren. Im Gegensatz zu anderen Identifikationsverfahren können RFID-Datenträger zudem so in einem Werkzeug, einem Werkstückträger oder anderen relevanten Komponenten verbaut werden, dass sie nicht ohne weiteres ausgetauscht werden können. So lässt sich das unerlaubte Nutzen von Plagiaten deutlich erschweren.

Als RFID-Spezialist verspricht Turck seinen Kunden nicht nur Applikations-Know-how, sondern auch individuelle und platzsparende Identifikationslösungen auf Basis seines modularen RFID-Systems BL ident. Der Anwender kann aus dem umfassenden Portfolio genau die Komponenten auswählen, die in seiner Applikation optimal passen, egal ob es sich um Lösungen für den Schaltschrank oder zum Einsatz direkt an der Maschine handelt. Da Turcks RFID-Lösung auf den I/O-Systemen des Unternehmens basiert, stehen neben den modu­laren Systemen BL20 in Schutzart IP20 und BL67 zur direkten Montage an der Maschine auch Block-I/O-Module in IP67 zur Verfügung. Bei den modularen Turck-Systemen profitiert der Anwender von der Flexibilität, denn neben RFID-Komponenten können auch Module für etliche andere Signalformen an die Gateways angebunden werden, sodass ein komplettes I/O-System mit RFID-Funktionalität zur Verfügung steht.

Auch die Integration in die bestehende Automationsinfrastruktur des Kunden ist denkbar einfach, denn das BL ident-System lässt sich an den gängigen industriellen Feldbussen und Ethernet-Systemen betreiben. Dabei können Schreibleseköpfe für unterschiedliche Frequenzbänder (HF und UHF) am selben Gateway und sogar an denselben Modulen eingesetzt werden. Bei Bedarf erleichtern Codesys-programmierbare Gateways oder mitgelieferte Funktionsbausteine die Datenintegration in vorhandene Systeme und Steuerungen.

Auch bei den Schreibleseköpfen bietet BL ident eine große Auswahl für viele Anwendungsfälle und Reichweiten. Brandneu ist zum Beispiel der TB-Q08, der derzeit kleinste ISO15693-konforme RFID-Schreiblesekopf in Schutzart IP67 auf dem Markt. Dank seiner kompakten Quaderbauform mit 32 x 20 x 8 Millimeter und der 15 Zentimeter langen Anschlussleitung mit M12-Stecker eignet sich der TB-Q08 besonders für den Einsatz in beengten Einbausituationen, wie sie beispielsweise in der Werkzeugidentifikation – etwa von Spritzgusswerkzeugen – vorherrschen.

Vor allem in Kombination mit den neuen R10- und R12-Datenträgern von Turck kann der TB-Q08 seine Stärken bei der Identifizierung von Metallobjekten voll ausspielen. Die neuen Datenträger mit 10 und 12 Millimeter Durchmesser lassen sich direkt in Metall montieren und sind mit einem Chip ausgestattet, der Passwortfunktionalität unterstützt. Der Anwender kann so in Verbindung mit BL ident mühelos vereinfachten Plagiatschutz, Zugriffsschutz, Zugriffsrechteverwaltung etc. realisieren.

Beispiel Bandfilteranlage

Wie sich effizienter Plagiatschutz in der Praxis umsetzen lässt, zeigt das Beispiel eines Turck-Kunden: Der Hersteller von Bandfilteranlagen identifiziert mit RFID, ob in seinen Maschinen die richtigen Filtervliese eingesetzt werden. Die Vliese filtern Öle, Emulsionen, synthetische Lösungen und andere Flüssigkeiten. Sie unterscheiden sich in der Größe ihrer Poren und in ihren Materialien (z.B. Polyester, Viskose etc.). Die Maschine überprüft mit RFID-Unterstützung nicht nur, ob ein Originalvlies eingesetzt wird, sondern auch, ob für die spezifische Applikation das Vlies aus dem richtigen Material mit der passenden Porengröße verwendet wird. Neben dem Plagiatschutz sichert der Kunde so mit der Identifikation auch seine Produktions- und Produktqualität. Die Wahl des falschen Vlieses und daraus resultierende Fehlproduktionen sind damit nahezu ausgeschlossen. Durch die Dokumentation der Standzeiten der einzelnen Vliese wie der gesamten Maschine lassen sich Wartungszeiten darüber hinaus präzise auf den konkreten Bedarf hin planen. Einen Schritt weiter gedacht, ergeben sich aus der ursprünglich zum Schutz vor Plagiaten eingesetzten Identifikationslösung neue Geschäftsmodelle: Statt Maschinen zu erwerben, kann sie der Kunde leasen. Der OEM stellt dann die dauerhafte Einsatzbereitschaft der Maschine sicher.

Potenziale für OEM und Endkunden

Bei diesen Vorteilen bleibt die Frage, warum RFID bislang nicht häufiger zum Schutz vor nachgebauten Ersatzteilen eingesetzt wird. Ein Grund dafür ist, dass die Maschinenbauer das Risiko durch Plagiate nur abschätzen können. Und wie bei Risiken üblich, können die riskanten Ereignisse eintreten oder auch nicht. Die Kosten für ein Plagiatschutzsystem fallen hingegen garantiert an. Die durch RFID neu gewonnene Transparenz kann bei Reklamationen für beide Seiten von Vorteil sein.

Sie schützt einerseits den OEM vor unberechtigten Reklamationen bei Plagiaten, unterstützt andererseits aber auch den Endkunden bei berechtigten Reklama­tionen, zum Beispiel durch reduzierte Standzeiten von Originalteilen, denn die Garantiezeit der Ersatzteile beginnt erst mit dem Einbau in die Maschine. Wie lang ein Bauteil in der Maschine eingesetzt wurde, ist in der Steuerung oder auf dem Datenträger des Bauteils dokumentiert. Zusätzlich profitieren beide Seiten von der Möglichkeit der automatischen Parametrierung. Sie ist ein innovatives Werkzeug für den OEM und schützt zugleich den Endkunden vor Fehlbedienung. Letztendlich tragen RFID-Lösungen auch zum effizienten Betrieb einer Maschine samt Ersatzteilmanagement bei. Wenn erkannt wird, dass ein Ersatzteil dem Ende seiner Laufzeit entgegen geht, kann eine automatische Info an den Maschinenbauer erfolgen, der daraufhin das neue Ersatzteil anliefert. So hat der Maschinenbauer ein automatisiertes Ersatzteilgeschäft und der Endkunde kann ungeplante Stillstandzeiten aufgrund fehlender oder minderwertiger Ersatzteile deutlich reduzieren.

Risiko durch Plagiate

Der Schaden durch den Einsatz gefälschter Ersatzteile kann immens sein. Entsprechen die Produktionsergebnisse nicht den geforderten Standards, drohen dem Kunden Image- und Wertverlust. Dem Maschinenbauer droht der gleiche Schaden, wenn der Kunde dessen Maschine als Ursache für Qualitätsprobleme ausmacht. Dass gefälschte Ersatzteile verantwortlich sind, ist in der Praxis oft schwer zu beweisen. Auch der Sicherheitsaspekt ist nicht zu vernachlässigen: Vor allem bei Maschinen mit Messern und anderen Schneidwerkzeugen sind nachgeahmte Ersatzteile ein Sicherheitsrisiko für die Mitarbeiter. Bei Personenschäden potenzieren sich die Risiken und möglichen Kosten nochmals.

Weitere Informationen:
René Steiner, Business
Development Manager
RFID bei Turck
Hans Turck GmbH & Co. KG
Witzlebenstr. 7
45472 Mülheim an der
www.turck.com

Quelle: Titelstory aus ident Ausgabe 4-2015

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„Die durch RFID neu gewonnene Transparenz kann bei Reklamationen für beide Seiten von Vorteil sein“, Rene Steiner, Hans Turck GmbH & Co. KG
„Die Maschinen- und Anlagenbauer berichten vor allem von Plagiaten ganzer Maschinen, Komponenten und Ersatzteile. Diese Hightech-Plagiate zeigen, dass die Gefahr im eigenen Land sehr ernst zu nehmen ist.“ Steffen Zimmermann, VDMA
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